Westlich

[Auszug aus 'Westlich']

Einmal, wieder einmal wartete sie neben der Laterne. Und in den Momenten, in denen er noch nicht um die Ecke bog und ihr langsam die graue Allee entgegentrottete; in jenen Momenten hatte sie doch keine Angst, er könne nicht erscheinen. Sie ertappte sich dabei, wie sie das ein oder andere Mal sein Fernbleiben wünschte, nicht um die Unterhaltung auszusetzen, sondern schlicht um das Räderwerk ins Stocken zu bringen.
Behäbig stelzte sie von einem Bein auf das andere um nicht die Figur einer Wartenden zur Blöße zu geben. Bisweilen kramte sie ihr Handy aus der samt-roten Tasche und klappte es auf und wieder zu. Selten hatte sie jedoch das Gefühl von Nevosität, von angespannter Neugierde, was die Unterhaltungen und auch seine Person betraf. Im blassen Blau eines eisigen Wintertages wartete sie.

-Laufen Sie ein Stück mit mir? [obwohl er noch etwa 15 Meter von ihr entfernt war, sprach er mit ruhiger Stimme]
- Ja, kommen Sie, in die Richtung [sie zeigte jene Richtung, aus der er kam], es ist kalt heute, ich friere immer häufiger
- Ich habe einen dicken Mantel [sein Auge folgte stolz seinen Worten,doch ihr Blick galt der Gabelung der Straße, die vor ihnen lag]
- Kennen sie das Monasterium? [Ohne auf eine Antwort zu warten] So nennen meine Tochter und ich jenes Gebäude in der Drögerstraße, das zerfallene rote Backsteinhaus…
- Ja, ich kenne es, ich laufe jeden Morgen daran vorbei.
- Oh, wie ich wünschte, mein Weg würde jeden Morgen daran vorbeiführen, wie es dasteht, so mächtig und so ..zerfallen

[in diesem Augenblick konnte sie das Gebäude vor sich sehen, ein Steinwerk aus architektonischer Missgunst, ein Denkmal viereckiger Langeweile, mit zwei Fensterreihen, weißen Fensterläden zu vom Wetter verblassten Backsteinen, trauriger englischer Stil. Die zwei kleinen Fenster, die in die Dachschräge gelegt wurden, waren eingedrückt, und das Heu, welches zur Isolierung befestigt worden war, hing seitlich heraus. Der Dachvorsprung war vom Tauwetter gewaschen und rostige Schieferplatten bröselten in die Rinne.]

- Manche Leute werden ernst, wenn sie an diesem Haus vorbeilaufen, manche bleiben sogar stehen. Die Anwohner hassen dieses Haus, ich nenne es Kunst. [sie ignorierte seine Anstalten und sprach unbeirrt weiter] Deshalb, weil es Menschen bewegt, auf irgendeine Weise, sie sind nicht verzaubert oder beeindruckt, aber bewegt.
- Also sind alle alten zerfallenen Gebäude Kunst, herausragend die Ruinen alter Burgen..
- So meinte ich das nicht..
- Oder das zerbombte Dresden nach dem zweiten Weltkrieg, ein opus magnum, die Zerbombung selbst die Erschaffung eines Meisterwerks, eine leidenschaftliche Kunstorgie, fabriziert von bloßen Bomberpiloten der Royal Army? [er lacht laut los]
- Du gefällst dir in deinem Geschwalle [sie kam aber nicht umhin, auch zu schmunzeln], du schaust dir bestimmt gern die Nachrichten an, dir gefallen die Bilder kaputter Autos und kaputter Menschen [sie sprach das zweifache 'kaputt' so schnell aus, dass ihm das Bild eines körperlich kaputten Lego-Menschen in den Kopf kam, mit abgetrennten Körperhälften auf der Suche nach einem Arm]
- Nein, natürlich nicht. Ich meinte bloß, weil du das Haus hier..
- Sie haben.., Du hast nichts verstanden. Es ist nicht der Zustand des Hauses selbst, er trägt nur dazu bei. Siehst du die Gräser dort neben der Eingangstür, die ganz sacht im Wind wiegen?
- Schon.
- Sind sie nicht friedlich still! Es ist eine Stille um das Haus. Die Tür, die schon seit Jahren nicht ihr Inneres nach außen zeigen konnte, die goldigen Fenster, die trüb und blass jedem Wanderer nachtrauern, der nur kurz hier verweilte. Der Schornstein, er ist schon seit Jahren erstickt, seine Glut erloschen. Die ganze Szenerie schreit nach Liebe und sie frisst Einsamkeit, jeden Tag, in Form von Regen, Sturm und Hundekot. Aber siehst du nicht, wie stolz es sich nach Süden blickt, wie liebevoll es seine Ziegel bei sich hält und die Hunde nicht vertreibt. Es ist sein berechtigter Stolz, der er zur Kunst macht.

[Wortlos und eigentümlich war der Abschied, und doch schienen ihre Schritte leichter]

© AKOE

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